August 2016

von Marian Wild

Wenn man eine Ausstellung vom Künstlerduo isterika besucht, wird man von einer Vielzahl verschiedener Eindrücke förmlich verschluckt. Leuchtende, pulsierende Gebilde blicken einen an wie fremdartige Aliens, die mal eben auf einen Besuch vorbeigeschaut haben. Alles hat einen Puls, es vibriert und tanzt. Ein Bild von isterika ist wie Musik. Ein klarer Beat gibt den ersten Takt vor, nach und nach entstehen Schichten von unterschiedlich harter Farbe, die mit ihren eigenen Colourspaces dem Bild seinen eigenen Sound hinzufügen. Die Lines sind manchmal aus verschiedenen Schäumen gespritzt, manchmal aus dünnen Farben zusammengemixt. Manche Sounds entstehen zufällig aus dem Prozess heraus. Manche Samples sind weich und harmonisch, manche Lines sind energisch und hart. Die Schöpfer dieser Objekte sind nicht weniger komplex.

 

Wie lange kennt ihr euch schon und wie lange arbeitet ihr zusammen?
Alex: Eine gefühlte Ewigkeit (lacht). Mittlerweile kenne ich Nata seit dreizehn Jahren. 
Nata: Vor drei Jahren haben wir mit dem Design von Kleidung angefangen. Nach und nach haben wir neue Sachen ausprobiert und uns weiter entwickelt. Schließlich sind wir so zur Kunst gekommen.

 

Wenn man Nata und Alex beim Arbeiten zusieht, hat man unweigerlich das Gefühl, einen Großteil der Kommunikation nicht mitzubekommen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit arbeiten die beiden gleichzeitig an ihren Bildern, zwischendurch zwei oder drei Sätze Besprechung, dann wird die Idee umgesetzt. Die Geschwindigkeit ist atemberaubend.

 

Ist es nicht schwer, sich zu zweit bei einem Bild abzustimmen?
A: Es gibt schon zwischendurch mal in manchen Situationen das Problem, dass wir aneinander vorbeireden.
N: Das sind aber keine Probleme, nur unterschiedliche Meinungen.
A: Ja, unterschiedliche Meinungen. Manchmal denkt man, das gefällt einem anders besser oder das hat man schon früher auf eine bestimmte Art gemacht. Aber das sind eigentlich immer positive Diskurse, nie Streit. Durch die Diskussion entsteht etwas Neues. Wir erklären dem anderen, warum wir etwas auf eine bestimmte Art haben wollen.
Haben sich diese Diskussionen im Lauf der Zusammenarbeit verändert? Sprecht ihr jetzt mehr als früher, oder weniger?
N: Eher geordneter.
A: Wir wissen inzwischen worauf es ankommt und sprechen die Themen ab. Es ist nicht mehr geworden, aber effektiver.

 

OSIRIS

Leuchtende, rechtwinklige und diagonale Labyrinthmauern wachsen aus der mit Schlieren überzogenen, braungründigen Glasfläche. Osiris, der ägyptische Gott der Wiedergeburt, hat den Betrachter in seine Pyramide gelockt, und versucht ihn mit irritierenden Lichtreflexen und Spiegelungen in die Irre zu führen. Die blauen Wände glitzern, als wären tausende kleine Glasscherben in ihnen verbacken. Blaue und orange Farbskalen bilden ein komplexes Gleichgewicht, ebenso wie der glatt glänzende Hintergrund, der sich schroff von der körnigen Oberfläche der Wandschneisen absetzt. Eine Corona aus leuchtendem Orange, mit azurblauen Wandstücken besetzt, rahmt das Bild ein.

 

 

Wie bauen sich eure Bilder auf? Was passiert mit der leeren Leinwand?
N: Am Anfang sprechen wir zusammen das Konzept für ein Bild durch.
A: Wir tragen beide unsere Ideen für ein Bild mit uns rum. In der Arbeit, beim Joggen. Dann wächst sie, dann diskutieren wir die Idee, dann sagen wir OK, das haben wir schon mal so und so gemacht. Möchten wir das fortführen, diese Technik oder diesen Style? Oder machen wir etwas ganz anderes?
N: Für uns ist es, als würde das Ganze von alleine wachsen. Manchmal betrachten wir das Geschehen wie aus der Ferne und können es uns selber nicht erklären. Aber es entwickelt sich dann so, dass wir merken, das wollen wir. Manchmal ist der Vorgang wirklich komisch (lacht).

 

Random Conspiracy of π

Die Form des Objekts ist unbeschreiblich, mehrere Rechtecke sind zu einer vielkantigen Gesamtform verschmolzen. Das konstante Wummern archaischer Basslautsprecher hat sich durch die stählerne Oberfläche des verrosteten Maschinenteils hindurchgedrückt, ein Regenbogen farbiger Öllachen fließt diagonal über die Scheiben.

 


 

Heißt das, ihr habt schon vorher eine Vorstellung im Kopf, wie das Bild werden soll?
A: Manchmal ja, manchmal nein. Aber es ist eher eine Idee.
N: Eine verschwommene Idee. Ich kann da noch nicht sagen, wie die Details sind, es ist nur als Vorstellung da.
A: Man kann sich vorstellen, wie es aussehen könnte. Aber wir wissen auch, dass es nie so aussehen wird. Das wollen wir auch nicht. Wir wissen nur die ersten paar Schritte, die zu dem Weg führen, danach wollen wir auch nichts mehr wissen, weil es wichtig ist, dass uns die Bilder selbst überraschen. 

 

Reich mir deine Hand

Ein Tiefseemonster ist in diesem aufwühlenden Bild vor die Pinsel der beiden getreten. Tief im Ozean, wo nur wenige Lichtstrahlen die tonnenschweren Wassermassen durchdringen, schwebt ein alptraumhaftes Wesen, wirbelt durch die nächtlichen Strömungen und sendet filigrane Blitze aus. Wie die gezackten Linien eines Equalizers wandert das Bild von links nach rechts, an manchen Stellen ist die Oberfläche wegen der elektrischen Entladungen geschmolzen. Dort verläuft die Oberfläche und bildet schillernde, perlmuttartige Schlieren.

 

 

Habt ihr zu den Farben, die ihr verwendet, spezielle Gefühle?
N: Jede Farbe hat ein anderes Gefühl für mich. Meine Empfindung ist, grün ist eher ruhig, und orange eher verrückt, … so wie ich (lacht). Wir haben unsere eigenen Farbspektren. Ich mag blau und orange, Alex rot, braun, schwarz.
A: Schwarz würde Nata nicht nehmen.
N: Ich mag Neon-Farben, die sind Alex zu schrill.
A: Mir sind sie zu Barbie-mäßig.
N: Für mich sind sie nicht Barbie-mäßig, ich empfinde sie nicht als Spielzeug. Die sind einfach anders, vom Aussehen und vom Gefühl. Sie sind auch kälter als normale Farben. Und schräger (lacht).
 

Versus

Zwei querformatige Materialbilder, wie zwei Seiten derselben Medaille. Zersplitterte, auseinandergerissene Holzspieße sind kreuz und quer über den Objekten verteilt. Die Anordnungen sind ähnlich, und doch nicht gleich. Das Auge versucht automatisch, die beiden Strukturen zu überlagern, was nicht gelingt. Zerstörung und Erlösung, so liegen die beiden Ausschnitte übereinander, und werden doch kein gemeinsames Bild.

 

 

Welche Sachen beeinflussen euch von außen bei eurem Arbeitsprozess?
A: Ganz klar, das ist Musik! Vor allem elektronische Musik. Ohne können wir nicht arbeiten.
N: Ohne können wir gar nicht leben (lacht). Sie bewegt uns. Der ganze Prozess ist wie ein Tanz. 
A: Ich glaube, diesen Tanz sieht man auch in unseren Bildern.
N: Es gibt außerdem viele Sachen die uns inspirieren und beeinflussen: Natur, Literatur, andere Menschen. Schönes Wetter macht mich zum Beispiel fröhlicher. Es ändert meine Stimmung.
A: Wir versuchen, in unseren Arbeiten das Ästhetische hervorzuheben. Das ist natürlich stimmungsabhängig, welche Farben oder welches Konzept man umsetzt. Diese Einflüsse sind eher etwas spontanes, wir planen nicht lange. Eine Idee kann sehr lange in uns wachsen, aber was dann in dem Moment passiert, wenn wir anfangen, ist spontan. 
 

 

My Deep Inner Abstinence

Das überwiegend monochrome Bild mit den gelbgoldenen, glänzenden Farbspritzern könnte auch das Produkt eines manischen Art-Deco-Inneneinrichters sein. Wie Vergoldungen liegen die Spritzer in der vielschichtigen, graukörnigen Bildlandschaft. Die kostbare Zurückhaltung mischt sich mit einer überschwänglichen, schwerelosen Melodie, ein gemalter Charleston, getanzt von glitzernden Champagnerdamen mit Bubikopf.

 

 

Dann seht ihr euch eher in einem Grenzbereich zwischen Musik, Design und Malerei, nicht als klassische Maler?
N: Jaaaaaa (lacht).
A: Wir haben uns mal überlegt, dass wir uns mehr als Architekten sehen, mehr als Designer von schönen Objekten. Also keine Maler. Ein Maler ist für mich jemand, der einen Pinsel nimmt und dann ganz präzise arbeitet. Entweder aus der Natur, oder von den Menschen, oder von den Fotos etwas abmalt. Das ist für mich Malerei. Wir verwenden auch viel mehr Material. Die Bilder sehen wir heute vielmehr als Objekt, bei dem der Rahmen und das Bild zusammenwachsen.

 

re#floral

 

Eine uralte Marienikone wurde im tiefsten Wald gefunden. Sie ist völlig überwuchert von Flechten und Moos, verschiedene Tiere haben ihre neonfarbenen Hinterlassenschaften an das Kirchenbild übergeben. Nur am mehrfach gebrochenen Holzrahmen lässt sich die frühere Funktion ablesen.

 

 

Sind euch alle Bilder gleich wichtig, oder gibt es wichtigere?
A: Wir haben mal gesagt, das Bild ist dann fertig, wenn wir es zur nächsten Ausstellung mitnehmen würden. So. Das heißt alle sind gleichwichtig. Viele überarbeiten wir auch, wenn sie nicht mehr ins Schema passen.
N: Aber es gibt natürlich Lieblingsbilder. Was die Farbe angeht, mag ich zum Beispiel „Reich mir deine Hand“ sehr, weil die Farben meine sind. Die neuen Bilder sind mir viel lieber, weil die gerade erst geboren sind.
A: Wir haben schon starke Gefühle für die Bilder, anders könnten wir sie auch nicht zeigen. Aber die neuesten Bilder berühren uns am meisten.
Das heißt theoretisch kann auch jedes Bild wieder drankommen mit Überarbeiten?
N: Ja, theoretisch schon. Aber wir wissen, dass die Bilder, die wir haben, alle perfekt für uns sind.
A: Inzwischen sind wir an dem Punkt, wo es alte Sachen gibt, die eigenständig sind und einfach einen anderen Stil haben.

 

Not Guilty

Das Bild hat einen edlen, schwarz-weißen Beat, die leisen Sounds bewegen sich sanft auf der monochromen Oberfläche. Dreht man sich weg und sieht das Bild nochmal an, haben die Schlieren sich definitiv bewegt. Dunkle Farbwolken hinter hellen Spritzern, feine Splashes wandern aus harten Farbspritzern und flirren auf der quadratischen Platte wie eine lebendige Schallwelle, unscharfe, dunkle Regionen unter der weißen Soundcloud schlucken das einfallende Licht. Das Bild ist auf eine überraschende Art vollkommen.

 

 

Was seht ihr denn in euren Bildern, wenn ihr hier so mit ihnen zusammenwohnt?
N: Es sind Geschichten, andere Welten. Ich habe immer gedacht ich würde Schriftstellerin werden. Schon als ich klein war, habe ich von Fantasy und Science Fiction geträumt. Unsere Bilder sind für mich Welten, die ich immer sehen wollte. 
A: Es sind Dinge, die nicht existieren. Es ist eine starke Verbindung zu dem jetzt, aber es kann nicht real sein. Wie ein Märchen. Außerdem muss es eine Story haben, sonst ist es langweilig. Aber es ist auch eine Emotion.
N: Es ist eine ganz starke Emotion, wenn man vor dem Bild steht und sich denkt, wow, wir haben es noch einmal geschafft (lacht).

 

10 fliegende Objekte attackieren mein Déjà-vu

 

Auf dem großformatigen Acrylbild sind zwei Ebenen radikal getrennt. Im Hintergrund liegt eine kleinteilige, dynamische Struktur aus bunten Klecksen, wie ein psychedelischer Sternennebel mit explodierenden Supernovas. Darüber, auf den Betrachter zustürzend, schweben die zehn farbigen Objekte, wie geometrische Scherenschnitte, von Aliens in einer fremdartigen Formensprache entworfen. Die Formen sind fremdartig, und doch irgendwie vertraut.

 

 

Woran merkt ihr denn, dass es fertig ist? Ist das so ein bestimmter, klarer Moment?
A: Das ist so ein Aha-Effekt .
N: Ja, das ist immer so. Das ist so ein ‚Ja, das gefällt mir, das ist jetzt schön‘ (lacht).
A: Es ist erst dann fertig, wenn man das Gefühl hat, es war immer da. Für uns eine vollkommene Abstraktion.


Das Atelier von Nata und Alex ist ein Labor, die beiden sind wie zwei Hälften desselben Wissenschaftlers. Am Ende steht ein Artefakt wie ein gewachsenes Fundstück. Da sind Unmengen Farbe auf dem Bild und die Objekte wiegen Tonnen. Nata und Alex sitzen auf hohen Hockern. Konzeption. Dickes Neonorange wie Kaugummi. Jede Schicht muss in den Objekten gut sein, auch wenn sie am Ende nicht sichtbar ist. Jeder Schritt ist konsequent entwickelt und perfektioniert. Die guten Schichten machen genau das, was die beiden haben wollen. Rote Aliennetze. Bildschichten verschwinden und tauchen wieder auf. Kneten und ziehen. Harte Beats. Weiße Highlights. Das Bild liegt auf dem Boden. Gute Bereiche, zu grelle Areas. Stacheln und Höhlen, tiefe Strukturen. Was die beiden tun, ist das Gegenteil von Malen. Faltige Oberflächen mit rosa gefärbten Schichten ziehen sich durch grüne Landschaften.

 

Wie hängen denn die Titel der Bilder mit dem Bild zusammen? Deuten sie auf die Story des Bildes hin?
N: Manchmal ja. Manchmal drückt sich auch die Stimmung im Namen aus.
A: Es ist weniger ein Verstärken der Story. Die Story ist unabhängig. Es ist eher der Charakter.
N: Es ist unser Empfinden des Bildes.
A: Wir suchen nach unseren Emotionen im Bild und der Name soll das zum Ausdruck bringen. Das wollen wir aber keinem Betrachter aufzwingen. Das soll jeder für sich selbst rausfinden.